PROkultur

Zertifikate, Zertifikate und noch mehr Zertifikate…

Und nun noch Zertifikate für Projektmanagement – wo macht das Sinn?

Zertifikate gibt es zahllose auf der Welt, selbst Zertifikate für das Thema Projektmanagement gibt es einige – von PROkultur allerdings nicht. Und das ist gut so. Warum? Das möchten wir Ihnen gerne erläutern.

Seit einiger Zeit beobachten wir wieder einmal ein deutliches Nachfragen nach einem Zertifikat für die Dienstleistungen von PROkultur rund um das Thema Projektmanagement. Hier schlagen „zwei Herzen in unserer Brust“: Zum einen möchten wir selbstverständlich diesem Bedürfnis unserer Kunden nachkommen, zum anderen haben wir eine differenzierte Meinung zu diesem Schlagwort.

Doch fangen wir ganz vorne an.

Was ist überhaupt ein Zertifikat?

Eine allgemein gültige, verständliche Definition dieses Wortes gibt es nicht. Es gibt aber taugliche Teilbeschreibungen:

  • Ein Zertifikat ist generell ein Gütesiegel, i.d.R. nichtstaatlich, wie das Wollsiegel oder eines der Bio-Label.
  • Weiterhin ist ein Zertifikat eine oft privatwirtschaftliche Marke und damit auch mit wirtschaftlichen Zielen der Anbieter verbunden. Der „TÜV-Stempel“ kann hierfür ein Beispiel sein.

Auf der anderen Seite sei auch erwähnt:

  • Ein Zertifikat ist kein Befähigungszeugnis wie der Führerschein oder das Kapitänspatent und auch kein Reifezeugnis wie das Abitur.
  • Ein Zertifikat ist keine amtliche Urkunde wie eine KfZ-Zulassung.
  • Ein Zertifikat ist nicht normativ, also keine DIN-Norm.

So ist es auch nur logisch, dass das Wort selbst kein geschützter Begriff ist – genauso wie „Gutachten“ oder „Testurteil“.

Zertifikate für Projektmanagement sind zudem nicht neu, seit vielen Jahren gibt es hier fast so etwas wie eine „Wettstreit“ zwischen den verschiedenen Philosophien.

Ansprüche an ein PM-Zertifikat

Als ein Gütesiegel muss jedes Zertifikat Mindestansprüchen gerecht werden. Hierzu gehören allem anderen voran die Unabhängigkeit des Anbieters und das Verfahrens von weiteren, insbesondere wirtschaftlichen Interessen. Die Qualität des Produktes muss zudem klar erkennbar sein, Transparenz und Überprüfbarkeit müssen gegeben sein.

Am wichtigsten bei einem PM-Zertifikat ist allerdings die Übertragbarkeit der erworbenen Qualifizierung auf das reale Umfeld des Zertifizierten – so zumindestens eine wesentliche Erfahrung von PROkultur.

Erfüllen die Angebote am Markt diese Ansprüche? Auch wenn uns hierzu keine Evaluation bekannt ist, ist auf Grund der Verbreitung davon ausgehen.

 Ein Zertifikat ist ein Gütesiegel und eine Marke, aber weder amtliches Zeugnis noch Urkunde und auch keine Norm.

 Die Unabhängigkeit des Anbieters und die Übertragbarkeit der gewonnen Qualifizierung auf das reale Umfeld sind besonders wichtig.

 Bekannte Standards kommen von der IPMA und dem PMI. Zu den Marktführer in Deutschland gehören die GPM und die IHK.

 In der (Projekt-)Wirtschaft sind Standar-disierungs- und Harmonisierungseffekte wirkungsvoll.

 In Low- und Non-Profit-Organisationen sehen Projekte häufig anders aus. Hier steht oft die spezifische Qualifizierung von Personen und Organisation im Vordergrund.

 Die Wirkung von personenzentrierten Zer-tifikaten kann schnell „verpuffen“. PM-Kompetenz ist das Ergebnis eines mehrjährigen Lernprozesses.

 Ein Zertifikat ist im Zweifel eine Bestätigung einer Konformität zum gewählten Standard.

 Die PM-Philosophie von PROkultur orientiert sich immer an den grundlegenden Gesetzmäßigkeiten von Projektmanagement, diese haben ihre Gültigkeit unabhängig von „künstlichen“ Standards.

  „Made-in-Germany“ stellen wir sicher durch die Verwendung der DIN 69 901.

Angebote am Markt

Die gängigen Suchmaschinen weisen diverse Anbieter von Lehrgängen aus. Bekannte Standards kommen von der IPMA[1] und dem PMI[2]. Zu den Marktführern in Deutschland gehören die GPM[3] und die Industrie- und Handelskammern.

Verbreitet sind mehrstufige Verfahren. So besteht das 4-Level-Certification-System der IPMA, an dem sich in Deutschland die GPM orientiert, aus vier Stufen – vom PM-Fachmann bis zum Projektdirektor. Markige Schlagworte wie PRINCE2 oder PMBok sollen auf die unterschiedlichen Methodiken der Anbieter hinweisen.

Wirkung und Wert von PM-Zertifikaten

Aus dem Bewerben der vielfältigen Kurse darf man ableiten, dass es vorwiegend um personen-bezogene und nicht um organisationsbezogene Qualifizierungen. Außerdem kann vermutet werden, dass die hauptsächliche Nachfrage aus der Wirtschaft kommt.

Es darf daher nicht verwundern, wenn sich viele Angebote auf die Bedürfnisse von high-profit-Organisationen ausrichten. Was heißt das?

  •  Investive Projekte stehen im Vordergrund.
  • Projekte gehören zum Kerngeschäft und sind damit selbstverständlicher Teil der Aufbau- und Ablauforganisation.
  • Die Workflows sind erprobt und Teil einer arbeitsteiligen Lieferkette mit häufig auch vielen Partnern.
  • Ein internationaler Kontext ist nicht ungewöhnlich.

In dieser Welt, die auch mit Projektwirtschaft beschrieben werden kann, sind Standardisierungs- und Harmonierungseffekte durch die Zertifizierung der mit diesen Projekten betrauten Personen sicher wirkungsvoll, die Wertigkeit auf die entsprechende Organisation stellt sich mittelbar ein.

In der Konsequenz dieser Erfordernisse ist es nur logisch, wenn die Kosten deutlich fünfstellig werden – pro Person wohlgemerkt.

Non- und Low-Profit-Organisationen und deren Bedürfnisse

Die Situation bei Non-Profit- und Low-Profit-Organisationen[4],[5]  ist anders:

  • Häufig ist ein politscher Kontext oder Einfluss festzustellen. Eine Konsequenz ist dann eine komplexe, zuweilen auch dynamische Entscheidungsstruktur.
  • Nachhaltiges, eher an volkwirtschaftlichen Effekten orientiertes Handeln ist üblich.
  • Vorrang vor dem wirtschaftlichen Erfolg haben verschiedenste Sachziele, Kostendeckung ist ein Qualitätsanspruch, Gewinnmaximierung nicht.
  • Diese Organisationen definieren sich auch über eine hohe soziale Verantwortung – nach innen und nach außen. Hierzu gehört schnell auch eine regionale Verankerung.

Projekte haben hier ein anderes Aussehen, z.B. weil

  • Projekte als Veränderungsprozesse immer wieder in der öffentlichen Wahrnehmung stehen, sie erfordern mehr denn je Bürgerbeteiligung.
  • die Zieldefinition von Projekten dem Risiko „verdeckter“, auch politischer Zielerwartungen unterliegt.
  • Inhouse-Projekte auch mit strukturellen Widerständen zu kämpfen haben.

Projekte in dieser Welt sind damit regelmäßig anders als „in der freien Wirtschaft“ und damit auch die daraus abzuleitenden Erfordernisse. Die Qualifizierung von Personen UND der zugehörigen Organisation muss dem Rechnung tragen. Alles andere wäre suboptimal.

Unsere Meinung

Wir wagen folgende Behauptungen:              

  • Generell  machen PM-Zertifikate für Unternehmen mit Projektwirtschaft Sinn – z.B. für international tätige Maschinenbauer oder mittelständische Softwarehäuser.
  • Die Wirksamkeit von personenzentrierten Zertifikaten kann als Einmaleffekt schnell „verpuffen“. Projektmanagementkompetenz von Personen, erst recht von Organisationen ist ein mehrjähriger Lernprozess.
  • Ein Zertifikat ist im Zweifel eher eine Bestätigung einer Konformität zum gewählten Standard, denn ein Qualifizierungsnachweis für konkret anstehende Projekte.
  • So kommt denn auch eine Studie über Zertifizierungen in deutschen Unternehmen zum Ergebnis: Die mangelnde Individualität von Zertifikaten ist ein wesentlicher „Hemmschuh“ [1].
  • Die Verbreitung von Zertifikaten sagt etwas aus über den Vermarktungserfolg, nicht aber zwingend über deren Stimmigkeit für den Einzelfall.
  • Zertifizierung ist kein Selbstgänger und kein Automatismus, letztendlich ist immer die organisationsspezifische Anpassung erforderlich.
  • Zertifikate sind Marken, die logischerweise von dem jeweiligen Anbieter nachdrücklich beworben werden – nicht ohne Absicht mit dem Hinweis auf die jeweiligen Alleinstellungsmerkmale.
  • Non- und Low-Profit-Organisationen ist häufig mit der Qualifizierung von Personen nicht nachhaltig gedient. Oft zeigt sich schnell die Sinnhaftigkeit einer Qualifizierung der jeweiligen Organisation selbst – und damit sind wir beim Thema Organisationsentwicklung, denn das Ziel ist schlussendlich die Projektfähigkeit der gesamten Organisation.

Was macht PROkultur?

PROkultur hat für seine Kunden – Öffentliche Hand, Öffentlich-rechtliche Organisationen, Öffentlich-beherrschte Unternehmen, Genossenschaften wie Wohnungsunternehmen – immer genau diese Projektfähigkeit der einzelnen Unternehmung im Blick. Daher sehen wir für uns keinen Sinn in einer standardisierten Zertifizierung nach hier geschildertem Muster.

Wir sind seit vielen Jahren für Non- und Low-Profit-Organisationen tätig. Unsere PM-Philosophie orientiert sich dabei immer an den grundlegenden Gesetzmäßigkeiten von Projektmanagement, diese haben ihre Gültigkeit unabhängig von „künstlichen“ Standards. „Made-in-Germany“ stellen wir sicher durch die Verwendung der DIN 69 901.

Unsere Ideen

Veränderungsprozesse durch die Methoden des Projektmanagements erfolgreich zu gestalten ist in Non- und Low-Profit-Organisationen noch nicht überall „state-of-the-art“ – zu mindestens im deutschsprachigen Raum. Begrüßen würden wir daher entsprechende Initiativen, die hier zu einer weiteren Verbreitung führen würden.

 

Stand: 03.08.2012

Wir haben nach bestem Vermögen die Informationen dieses Papiers aufbereitet. PROkultur übernimmt keine Haftung für die Vollständigkeit, Aktualität und Richtigkeit der hier veröffentlichten Informationen, Wertungen und Schlussfolgerungen. Die Lektüre kann und soll eine eigenständige fachliche Bewertung bzw. Entscheidung des Lesers im Einzelfall nicht ersetzen.

[1]            Nicolai Rathmann: Zertifizierung und Standardisierung im Projektmanagement: Eine Studie in deutschen Unternehmen, Verlag: Books On Demand, 2006

 



[1] International Project Management Assoziation, Nijkerk, NL

[2] Project Management Institute, Newtown Square, USA

[3] Gesellschaft für Projektmanagement e.V., Nürnberg, Mitglied der IPMA.

[4] Non-Profit-Organisationen verfolgen keine wirtschaftlichen Gewinnziele, sondern dienen den politischen, sozialen, kulturellen oder wissenschaftlichen Zielen ihrer Gesellschafter.

[5] Low-Profit-Organisationen sind Unternehmungen, die neben Sachzielen eine Kostendeckung oder einen angemessenen Gewinn anstreben. Sie positionieren sich zwischen gewinnmaximierendenUnternehmen und NonProfitOrganisationen.

Institut PROkultur, Anders F. Christensen, Westerallee 17, 24937 Flensburg, Tel. 0461-9041483